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Sábado, 16 Febrero 2013

Isidor von Sevilla und die Astronomie

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Carl Schick, Isidor von Sevilla und die Astronomie, in „Theologisches“ 41 (2011), S. 107.Español

In den zwei letzten Jahrhunderten ist Isidor von Sevilla von verschiedenen namhaften Autoren kritisiert worden, die offenbar den Sinn einiger seiner Kommentare über die Gestalt der Erde nicht richtig zu erfassen vermochten. Demgegenüber hat neuerdings Reinhard Krüger durch sein Buch Eine Welt ohne Amerika, Berlin, 2000, viel dazu beigetragen, das Ansehen des frühmittelalterlichen Bischofs bezüglich seines astronomischen Weltbildes wiederherzustellen. Hiermit sollen einige seiner Bemerkungen zu dieser Kritik vorgestellt und weitere Schlüsse daraus gezogen werden.

Zunächst ist interessant zu bemerken, dass Isidor von Sevilla (etwa 560 – 636) alte Autoren, wie (Pseudo-) Hyginus zitiert, der in seinem Buch De astronomia ganz korrekt den Erdglobus, die Klimazonen und die Antipoden beschreibt[1]. Isidor ist ebenfalls sehr vertraut mit den Werken des Augustinus, der die Erde als kugelförmige Masse[2] definiert und die mögliche Existenz von Tieren auf der uns gegenüberliegenden Seite der Erde nicht in Frage stellt[3]. Isidor bezeichnet auch ganz klar die Astronomie als natürlich, die Astrologie hingegen als zum Teil natürlich, zum Teil abergläubisch[4]. Auch konnte Isidor vernünftigerweise nicht den älteren großen Kirchenlehrern wie Hieronymus und Augustinus widersprechen, die der Meinung waren, dass in bestimmten Fällen die Bibel nicht wörtlich, sondern in einem übertragenen oder allegorischen Sinn ausgelegt werden sollte[5].

Isidors Kritiker beziehen sich hauptsächlich auf seinen Satz: „Die Erde wird Erdkreis bezüglich der Rundheit des Kreises genannt, da sie wie ein Rad (sicut rota) ist, deshalb wird ein kleines Rad auch Kreislein (orbiculus) genannt“[6]. Aus dieser und anderen Aussagen Isidors, die gewiss manchmal zu kurz gefasst und etwas naiv sind, haben seine Kritiker gefolgert, für Isidor habe die Erde die Form einer flachen Scheibe.

Doch Isidor akzeptiert entschieden die Meinung der Fachgelehrten auf diesem Gebiet. Er schreibt: „Nach dem Zeugnis des Hyginus ist die Erde in der mittleren Region der Welt platziert, und zwar in gleichen Abständen zu allen Teilen des Himmels; somit befindet sie sich im Zentrum“[7]. Zudem übernimmt er die damals sehr verbreitete Definition der Erdachse als eine Gerade, die durch den Nordpol und durch die Mitte der Erdkugel (mediam pilam) verläuft[8]. die sich somit in der Mitte der Himmelssphäre befindet. Auch sagt Isidor, die pilae seien wie die Bälle, mit denen die Kinder spielen[9]. Somit ist bei ihm die Kugelgestalt der Erde eindeutig belegt.

Isidor zitiert auch die Meinung berühmter Philosophen, die an eine Bewegung des Himmels und der an ihm fixierten Sterne von Osten nach Westen glaubten; so wie er zitiert, dürfte jedoch für ihn diese Meinung nicht mit Sicherheit annehmbar sein. Denn Augustinus hatte schon früher über die Zweifel einiger Brüder, das heißt Christen, berichtet, die sich die Frage der Bewegung des  Himmels gestellt hatten, nämlich, ob er sich wirklich bewegt oder ruht[10]. Im Gegensatz dazu hielten die zwei großen Autoritäten der Antike, Aristoteles und Ptolemaios, an der Unbeweglichkeit der Erdkugel fest.

Das besondere Merkmal einer rota, was in Latein Rad oder Rolle bedeutet, ist ihre Fähigkeit zu rotieren und nicht ihre mögliche Scheibenform. Heute könnten wir die Erde als einen Rotor betrachten, aber dieser Neologismus ist viel moderner. Die Aussage Isidors, die Erde sei wie ein Rad, erinnert an einige altgriechische Autoren, die als Vertreter der Theorie der Erdrotation bei Unbeweglichkeit des Himmels bekannt waren. Nach Plutarch haben vor allem Herakleides Pontikos und der Pythagoreer Ekphantos eine Erdbewegung beschrieben, die nicht in einer Translation, sondern (in einer Drehung) in der Art eines Rades besteht, das von Westen nach Osten um eine feste Achse rotiert[11]. Der in diesem Zusammenhang von Plutarch aus Chaironeia (etwa 45 bis 125 n. Chr.) verwendete Ausdruck (TROCHOU DIKEN, d.h. einem Rad ähnlich) entspricht dem Wie-ein-Rad von Isidor, der sich somit der Redeweise der Autoren anschließt, die die Erde als drehbares Objekt definierten. Ansonsten zitiert Isidor beiläufig das Wort Rad in seinen Etymologien auch dort, wo er über Schiffe spricht: „Die Trochleae (Kloben, Flasche, Flaschenzug) wurden so genannt, weil sie kleine Räder aufweisen; denn auf Griechisch sagt man TROCHOS für Rad“[12].

Die Wörter rota und orbiculus sind reichlich von Vitruv gebrauchte technische Ausdrücke. In seinem Buch De architectura libri decem (um 25 v. Chr.) beschreibt er das Trispaston (Dreizug­ mit drei orbiculi oder Rollen) und das Polyspaston mit vielen Rollen zur Führung von Seilen in Maschinen, die von den Architekten zur Hebung von sehr schweren Lasten verwendet wurden[13]. Vitruv erwähnt auch ein „tympanum, von einigen auch Rad“ genannt, das eine Art Trommel ist, um das Seil solcher Maschinen zu wickeln. Es ist daher nicht logisch zu denken, mit dem Ausdruck Rad habe Isidor sagen wollen, die Erde sei eine flache Scheibe.

Krüger bezieht den erwähnten Ausdruck (wie ein Rad)  auf den bevölkerten Teil der Erde, der in jener Zeit als relativ klein im Vergleich zur Erdkugelfläche galt und daher als ein ziemlich flaches Gebiet angesehen werden konnte, aber nicht insgesamt auf eine Erde in der Gestalt einer flachen Scheibe[14]. Wird aber in Betracht gezogen, dass Isidor als Enzyklopädist emsig bemüht war, alle möglichen Angaben über die unterschiedlichsten Meinungen der Gelehrten eher kritiklos zu sammeln, scheint es logischer zu sein, diese Präzisierung als von der zitierten Stelle Plutarchs abhängig zu betrachten.

Isidor erachtete es freilich als unnötig, sich über menschliche Gegenfüßler Gedanken zu machen, weil man damals über keine historischen Angaben über ihre Existenz verfügte. Dies hat dazu beigetragen, den modernen Mythus zu festigen, der mittelalterliche Mensch sei von der scheibenförmigen Gestalt der Erde vollkommen überzeugt gewesen. Isidor unterscheidet jedoch zwei Begriffe: Mit dem Ausdruck per mediam pilam bezieht er sich auf den Mittelpunkt der Erdmasse, den wir heute Schwerpunkt nennen; mit dem Wort centron (Stachel), aus dem Griechischen übernommen, ist die Spitze eines Zirkels gemeint, der zum Zeichnen von Kreisen dient, so dass wir heute centron als Symmetriezentrum übersetzen sollten[15]. Sein Gedankengang entbehrt nicht der Logik: Solange man nicht nachweisen kann, dass es in einer uns diametral-symmetrisch entgegengesetzten Position auf dem Erdglobus ein Festland mitten im Ozean gibt, ist es Zeitverschwendung, über die Existenz von solchen Antipoden zu grübeln, an die zu glauben nicht notwendig ist. Hingegen spricht Isidor explizit über die Existenz eines Gebiets südlich vom Äquator in Bereichen der damals bekannten Meridiane, wo die legendären Antipoden (Antichthonen) wohnten[16].

Ohne Anspruch auf Originalität zu erheben, sah Isidor bekanntlich seine Aufgabe darin, Zitate von Gelehrten zu sammeln, unbeschadet möglicher Widersprüchlichkeiten. Er begnügte sich damit, sie zu ordnen, um sie den zukünftigen Generationen zugänglich zu machen. Die kritisierte Stelle (sicut rota) könnte daher von Plutarch über andere lateinische Autoren zu Isidor gelangt sein. Möglicherweise war der zweite Teil dieses Zitats (Drehung in der Art eines Rades, das von Westen nach Osten um eine feste Achse rotiert) in den ihm zur Verfügung stehenden Kopien nicht mehr vorhanden; oder vielleicht wollte er einfach die Vorstellung der von Augustinus erwähnten Christen über die Bewegung der Erde begünstigen, ohne sich aber klar gegen die Meinung der großen Philosophen auszusprechen. 



[1] Vgl. Krüger, Reinhard: Das Überleben des Erdkugelmodells in der Spätantike - Eine Welt ohne Amerika II, Weidler Buchverlag, Berlin, 2000, S. 59ff. - Im vorliegenden Aufsatz wurde die deutsche Schreibweise griechischer Namen vom Lexikon der Alten Welt, Weltbild Verlag GmbH, Augsburg, 1995, übernommen - vgl. auch dort im Bd. 2, Sp. 1342, unter Hyginus Julius H.: „Irrtümlich gehen unter seinem Namen zwei erhaltene Werke aus dem 2.Jh.n.Chr.: ein astronomisches Handbuch, ,De astronomia’, und ein mythologisches, ,Fabulae’“.

[2] Augustinus: De Gen. ad litt. I, 12: (globosa moles).

[3] Augustinus: De civ. Dei XVI, 7: „… si in insulis, quo transire non possent, multa animalia terra produxit“.

[4] Isidor: Etym. III, XXVII,1: „Astrologia vero partim naturalis, partim superstitiosa est“.

[5] Vgl. z. B. Augustinus: De Gen. ad litt. I.1.1: „Omnis divina Scriptura bipartita est, ... Nam non esse accipienda figuraliter, nullus christianus dicere audebit, attendens Apostolum dicentem: Omnia autem haec in figura contingebant illis“ (1 Kor 10, 11). – „Die Heilige Schrift als Ganzes ist zweiteilig, … Denn im Hinblick auf die Aussage des Apostels: Dies alles widerfuhr ihnen im Sinne eines Beispiels, wird sich kein Christ getrauen zu sagen, sie sei nicht beispielhaft zu verstehen“. - Vgl. auch Krüger: Eine Welt ohne Amerika II, Berlin, 2000, S. 214-215.

[6] Isidor: Etym. XIV, II, 1: „Orbis a rotunditate circuli dictus, quia sicut rota est; unde brevis etiam rotella orbiculus appellatur“.

[7] Isidor: De nat. rer. XLVIII, 1: „Terra, ut testatur Hyginus, mundi media regione collocata, omnibus partibus (caeli) aequali dissidens intervallo centron obtinet“.

[8] Isidor: Etym. XIII, V, 3: „Axis est Septentrionis linea recta, quae per mediam pilam sphaerae tendit“.

[9] Isidor: Etym. XIII, V, 2: „... sicut [et] pilae quibus ludunt infantes“.

[10] Augustinus: De Gen. ad litt, II, 10: „de motu etiam caeli nonnulli fratres quaestionem movent, utrum stet, anne moveatur“.

[11] Plutarch: Moralische Werke, XII, III, 13.

[12] Isidor: Etym. XIX, II, 10: „Trochleae autem vocatae quod rotulas habent; trochos enim Graece rota dicitur“.

[13] Vgl. Fensterbusch, Curt: Vitruvius, De architectura libri decem, Wiss. Buchges, Darmstadt, 1991, Latein/Deutsch, S. 462 -  466.

[14] Vgl. Krüger III: Das lateinische Mittelalter und die Tradition des antiken Erdkugelmodells -  Eine Welt ohne Amerika III, Weidler Buchverlag, Berlin, 2000, S. 84: „Fast erscheint es tatsächlich so, als nähme die bewohnte Landmasse die Gestalt einer auf einer Seite der Erde angebrachten Scheibe an...“

[15] Isidor: Etym. IX, II, 133 - Vgl. Gemoll, Wilhelm: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, F. Tempsky und G. Freytag GMBH, Wien und Leipzig, 1908, S. 432: „kéntron…, 1. Stachel, … 2. Mittelpunkt (eig. der eingesetzte Stachel des Zirkels) ... “.

[16] Isidor: Etym. XIV, V, 17 - Vgl. Krüger III, S. 93: „ … Antipodes fabulose inhabitare produntur“.